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Ilissos

Ilissos

Original aus Marmor; London, Britisches Museum
440– 430 v. Chr.
linke Zwickelfigur im Westgiebel des Parthenon
Abguss von Richard Westmacott, 1829


Beeinflusst durch den Kunstkenner und Antikensammler Richard Payne Knight, fanden die Elgin Marbles in London zunächst wenig positive Resonanz. Ihr nicht restaurierter Zustand widersprach den Sehgewohnheiten der Zeitgenossen. Besonders irritierend wirkte die Figur des gelagerten Flussgottes Ilissos. Die sehnig-muskulösen Körperformen, die kompliziert gebrochene und gedrehte Bewegung des Rumpfes und das unruhige Faltenspiel des Mantels über dem linken Arm geben der Figur etwas Nervöses, Aufgewühltes und Momenthaftes. Diese Züge ließen sich nur schwer mit Winckelmanns Bild des Hohen Stils vereinbaren. Dennoch hielt auch Payne Knight den Ilissos für „the finest figure in the collection“ – freilich geringer im Rang als der ebenfalls fragmentarisch erhaltenen Torso von Belvedere.

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Von der Theorie zur Anschauung: Die Elgin Marbles und der Hohe Stil

Winckelmanns stilgeschichtliches „Lehrgebäude“ war ein Konstrukt, das vor allem auf antiken Kunsttheorien basierte. Es anhand erhaltener Kunstwerke zu veranschaulichen, erwies sich als schwierig. Skulpturen des Älteren und des Hohen Stils ließen sich in Rom kaum ausfindig machen. Denn die meisten dort vorhandenen Denkmäler stammten aus der römischen Kaiserzeit.

Erst ab 1800 gelangten in größerem Umfang griechische Originale in die westeuropäischen Sammlungen. Von der Athener Akropolis brachte der schottische Lord Elgin die Parthenon-Skulpturen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. nach London. Mit Winckelmanns Bild vom Hohen Stil ließen sie sich nur schwer in Einklang bringen. Sie zeigten nicht die „gewisse Härte“ und „hohe Einfalt“, die er diesem Stil zugeschrieben hatte, sondern extrem lebendige und bewegte Formen mit vielen naturnahen Details.

Auch wenn sich die Verfechter der reinen Lehre Winckelmanns heftig sträubten, wurde der hohe Rang der Elgin Marbles bald allgemein anerkannt. Als neuer Gipfelpunkt der antiken Kunstentwicklung verdrängten diese nun den Apoll von Belvedere, der bis dahin als Maßstab absoluter Schönheit gegolten hatte.

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Ausgraben: Winckelmanns Traum von Olympia

Schon früh spielte Winckelmann mit dem Gedanken einer Expedition nach Griechenland. Nur wenige westliche Reisende waren bis dahin in das unter osmanischer Herrschaft stehende Land gereist. Hauptziel Winckelmanns war weniger das von ihm bewunderte Athen als vielmehr das panhellenische Heiligtum von Olympia. Die sportlichen und musischen Wettkämpfe der Olympischen Spiele entsprachen besonders gut Winckelmanns Vision von der freiheitlichen Lebensform der Griechen.

Winckelmanns letzte Reise nach Deutschland 1768 hatte u. a. das Ziel (wie er in einem Brief an Heyne in Göttingen schrieb), die nötigen Geldmittel für eine Reise nach Olympia einzuwerben, um dort „mit hundert Arbeitern das Stadium umgraben zu können“. Zwar kam dieses Vorhaben nicht zustande, aber gut 100 Jahre später gelang es dem bis 1868 in Göttingen und dann in Berlin lehrenden Archäologen und Althistoriker Ernst Curtius, indem er sich ausdrücklich auf Winckelmann berief, dessen Pläne in die Tat umzusetzen: Die neue deutsche Reichsregierung finanzierte eine große Ausgrabung in Olympia, die 1875 begann und reiche Früchte trug, wovon viele in diesem Saal ausgestellte Abgüsse Zeugnis ablegen.

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Stil der Nachahmer – Leto, Artemis, Apollon, Nike

Stil der Nachahmer – Leto, Artemis, Apollon, Nike

Original aus Marmor; Berlin, Antikensammlung
Augusteisch (31 v. Chr. – 14 n. Chr.)
Fundort unbekannt; aus der Sammlung Albani
Abguss 1906 erworben

Nachdem die griechischen Künstler nach Winckelmanns Modell im Schönen Stil das Ideal erreicht hatten, konnten sie nicht mehr höher steigen, sondern nur noch Bewährtes nachahmen. So fehlte es den Werken
nicht an Schönheit, aber an der neuen Idee hinter der gekonnten Ausführung. Bei diesem Relief erkannte Winckelmann den Widerspruch zwischen dem altertümlichen Stil der Figuren und dem ‚modernen’ Tempel im Hintergrund. „Es scheinet also, dass dieses Werk eine Arbeit sei, in welcher ein griechischer Meister, nicht aus der älteren Zeit, den Stil derselben nachahmen wollen.“ Zweck der Nachahmung sei bei Götterdarstellungen wie diesen die „Erweckung größerer Ehrfurcht“ gewesen.

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Schöner Stil – Apollon Sauroktonos

Schöner Stil – Apollon Sauroktonos

Original aus Marmor; Rom, Vatikanische Museen
Römische Kopie einer Bronzestatue des Praxiteles um 350 v. Chr.
1777 auf dem Palatin in Rom entdeckt
Abguss 1898 erworben

Zu den literarisch überlieferten Meisterwerken, die Winckelmann mit erhaltenen Monumenten verknüpfen konnte, zählt auch der berühmte Eidechsentöter des athenischen Bildhauers Praxiteles. Es gelang ihm, drei römische Kopien der Statue ausfindig zu machen. Dieses Exemplar wurde erst nach seinem Tod entdeckt. Die Statue ist ein Musterbeispiel des Schönen Stils, gekennzeichnet druch „das Zärtliche und das Reizende“ der jugendlichen Formen, „das Wellenförmige“ des Umrisses und die fließenden Übergänge zwischen den
einzelnen Körperpartien, kurzum: durch ihre „gefällige Grazie“. „Die Seele äußerte sich nur wie unter einer stillen Fläche des Wassers, und trat niemals mit Ungestüm hervor.“

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Hoher Stil – Diadumenos

Hoher Stil – Diadumenos

Original aus Marmor; London, Britisches Museum
Römische Umbildung einer Bronzestatue des Polyklet um 430 v. Chr.
Ursprünglich in der Sammlung Farnese in Rom; seit 1864 in London
Abguss 1875 erworben

Aus dem Motiv des Jünglings, der sich eine Siegerbinde um den Kopf legt, schloss Winckelmann, es könnte sich um eine Kopie des „Diadumenos“, einer in der antiken Literatur beschriebenen Bronzeskulptur des hochklassischen Bildhauers Polyklet, handeln. Zwar wurden später maßgenauere und weniger vereinfachte Kopien dieses berühmten Werks gefunden, aber grundsätzlich erwies sich Winckelmanns Vermutung als richtig. Polyklet war für Winckelmann ein Hauptvertreter des Hohen Stils. Aus Äußerungen antiker Autoren schloss er, Polyklets Werken sei noch eine „gewisse Härte“ eigen gewesen, ablesbar an „eckigten“ und noch nicht „wellenförmigen“ Umrissen. Einer „großen Richtigkeit“ in der Proportionierung der einzelnen Körperteile sei „ein gewisser Grad schöner Form aufgeopfert worden“.

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Vom Älteren zum Hohen Stil – Gruppe der Tyrannenmörder

Vom Älteren zum Hohen Stil – Gruppe der Tyrannenmörder

Original aus Marmor; Neapel, Nationalmuseum
Römische Kopie nach der Bronzegruppe von 477 / 76 v. Chr. auf der
Athener Agora
Seit dem 16. Jahrhundert in Rom nachgewiesen
Abguss des späten 19. Jahrhunderts

Die beiden Statuen waren zu Winckelmanns Zeit in Rom, in der Sammlung Farnese zu sehen und wurden als Fechter gedeutet. Winckelmann erfasste richtig, dass es sich um ein Monument des Überganges zu einer neuen Stilstufe handelt, und datierte es ans Ende des Älteren Stils. Noch seien „die Haare sowohl des Hauptes als der Scham in ganz kleinen kreppigte Locken reihenweise gelegt, in eben der Form, wie die Haare an wahren hetrurischen Figuren gearbeitet sind“. Dass keine Fechter, sondern die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die Helden der jungen attischen Demokratie, dargestellt sind, erkannte man erst 100 Jahre nach Winckelmann.

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Älterer Stil – Schreitende Artemis

Älterer Stil – Schreitende Artemis

Original aus Marmor; Neapel, Nationalmuseum
1760 in Pompeji gefunden
Abguss aus dem Nachlass von Wilhelm Zahn (1800 – 1871)

Winckelmann wies die Statue dem Älteren Stil zu. Seine Kriterien waren eckige Umrisse, steife Bewegungen und viel Ausdruck. Ein Kennzeichen ist auch der Faltenwurf: „Das Hemde, oder das Unterkleid, hat weite Ärmel, welche in gekreppte oder gekniffene Falten geleget sind, und die Weste, oder der kurze Mantel, in geplattete parallele Falten, so wie der Rock.“ Der schmuckvolle Gewandstil mit seinen charakteristischen Zickzackfalten wird noch heute als ein Merkmal der archaischen Kunst angesehen. Winckelmann schwankte, ob er die Statue als griechische oder etruskische Arbeit betrachten sollte. Erst später wurde klar, dass es sich nicht um ein archaisches, sondern um ein archaistisches Werk, um eine altertümelnde Darstellung aus römischer Zeit handelt.

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Schönheit und Wissenschaft Winckelmanns Archäologie der Kunst

Johann Joachim Winckelmann – oft als „Vater der Archäologie“ bezeichnet – wurde vor 300 Jahren, am 9. Dezember 1717, in Stendal geboren und starb vor 250 Jahren, am 8. Juni 1768, in Triest.

Mit seinen Schriften über die Kunst der Antike revolutionierte Winckelmann den Kunstgeschmack seiner Zeit: Indem er das antike Griechenland zum utopischen Reich absoluter Schönheit und freiheitlicher Lebensverhältnisse verklärte, gab er entscheidende Anstöße für die mächtige Bewegung des Klassizismus, die die europäische Kunst und Kultur jahrzehntelang prägen sollte.

Winckelmanns neuartige Kunstbeschreibungen, seine ausdrucksstarke und bilderreiche Sprache haben nachhaltig auf die deutsche Literatur der Goethezeit eingewirkt. Sein Hauptwerk, die Geschichte der Kunst des Altertums (1764), ist der Versuch, dem Wesen der Schönheit mit wissenschaftlicher Methode auf die Spur zu kommen. Schönheit erscheint nicht als zeitloses Phänomen, sondern wird als Resultat einer geschichtlichen Entwicklung und spezifischer politischer Bedingungen verstanden.

Die Ausstellung – von Studierenden und Mitarbeitern des Archäologischen Instituts gemeinsam erarbeitet – greift aus der Vielzahl der Facetten von Winckelmanns Leben, Werk und Wirkungsgeschichte seine Bedeutung für die archäologische Wissenschaftspraxis heraus. Grundlegende archäologische Tätigkeiten – Anschauen, Beschreiben, Vergleichen, Klassifizieren, Datieren, Interpretieren – sind von Winckelmann in eine Form gebracht worden, die die Klassische Archäologie bis heute prägt.

Die entscheidenden Schritte zur Verwandlung der Winckelmann’schen Lehre in ein Universitätsfach vollzogen sich in Göttingen. Zu verdanken ist dies in erster Linie dem Wirken Christian Gottlob Heynes. Der Beziehung Winckelmanns zu Heyne und zur Universität Göttingen gilt daher besonderes Augenmerk.

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Collection of Engravings from Ancient Vases Mostly ofPure Greek Workmanship Discoverd in Sepulchres in the Kingdom of the Two Sicilies but Chiefly in the Neighbourhoodof Naples during the Course of the Years MDCCLXXXIX. and MDCCLXXXX.Now in the Possession of Sir Wm. Hamilton, With Remarks on Each Vase by the Collector

Collection of Engravings from Ancient Vases Mostly ofPure Greek Workmanship Discoverd in Sepulchres in the Kingdom of the Two Sicilies but Chiefly in the Neighbourhoodof Naples during the Course of the Years MDCCLXXXIX. and MDCCLXXXX.Now in the Possession of Sir Wm. Hamilton, With Remarks on Each Vase by the Collector

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Bd. 1, Neapel 1791

Nola, nordöstlich des Vesuv gelegen, war zu Winckelmanns Zeit einer der wichtigsten Fundorte bemalter antiker Vasen. Die Abbildung zeigt den englischen Diplomaten und Sammler Sir William William Hamilton und seine Frau Emma bei der Aufdeckung eines Grabes in Nola. Seine erste Vasensammlung verkaufte Hamilton an das Britische Museum. Die von Wilhelm Tischbein besorgte Publikation von Hamiltons zweiter Vasensammlung zeigt schon im Titel, dass sich Winckelmanns Auffassung vom griechischen Ursprung der bemalten Vasen durchzusetzen begann: Ancient Vases Mostly of Pure Greek Workmanship. Das Titelkupfer reproduziert eine Zeichnung von Christoph Heinrich Kniep, die sich im Anatomischen Institut der Universität Göttingen befand und mit diesem 1945 zerstört wurde.

Collection of Engravings from Ancient Vases Mostly ofPure Greek Workmanship Discoverd in Sepulchres in the Kingdom of the Two Sicilies but Chiefly in the Neighbourhoodof Naples during the Course of the Years MDCCLXXXIX. and MDCCLXXXX.Now in the Possession of Sir Wm. Hamilton, With Remarks on Each Vase by the Collector Weiterlesen »

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