Vergleichendes Sehen: Der nachgeahmte ägyptische Stil
„Das Ganze hat eine Aegyptische Gestalt, aber die Teile haben nicht die Aegyptische Form. Die Brust, welche an den ältesten Männlichen Figuren platt lieget, ist hier mächtig und heldenmäßig erhaben: die Rippen unter der Brust, welche an jenen gar nicht sichtbar sind, erscheinen hier völlig angegeben: der Leib über den Hüften, welcher dort sehr enge ist, hat hier seine rechte Fülle: die Glieder und Knorpel der Knie sind hier deutlicher, als dort gearbeitet: die Muskeln an den Armen und andern Teilen, liegen völlig vor Augen: die Schulterblätter, welche dort wie ohne Anzeige sind, erheben sich hier mit einer starken Rundung, und die Füße kommen der Griechischen Form näher. Die größte Verschiedenheit aber lieget in dem Gesichte: welches weder auf Aegyptische Art gearbeitet, noch sonst ihren Köpfen ähnlich ist. Die Augen liegen nicht, wie in der Natur, und wie an den ältesten Aegyptischen Köpfen, fast in gleicher Fläche mit dem Augen-Knochen, sondern sie sind nach dem Systema der Griechischen Kunst tief gesenket, um den Augen-Knochen zu erheben, und Licht und Schatten zu erhalten. Die Form des Gesichts ist vielmehr Griechisch […].“
J. J. Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums (1764) p. 57
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Stil ohne Entwicklung: Die Kunst der Ägypter
Schon antike Historiker bezeichneten die Ägypter als Lehrmeister der Griechen. Winckelmann widersprach dem. Die Ähnlichkeit altägyptischer und früher griechischer Kunstwerke beruhe lediglich darauf, dass die Kunst in ihren Anfängen überall „vom Einfachen und Leichteren ausgehet“. Anders als die griechische sei die ägyptische Kunst jedoch nie über einen altertümlich
steifen Frühstil hinausgelangt.
Hauptgründe für die fehlende Entwicklung der ägyptischen Kunst sieht Winckelmann in der Herrschaft einer veränderungsfeindlichen Priesterkaste, dem starren Staatsaufbau und der fehlenden persönlichen Freiheit der Künstler. Erst nach der Eroberung durch die Perser (525 v. Chr.) sei in Ägypten ein neuer, ägyptisch-griechischer Mischstil entstanden. Ein dritter, pseudoägyptischer Stil sei hingegen zur Zeit Kaiser Hadrians (177–138 n. Chr.) in Italien in Mode gekommen, als man dort nach der Übernahme ägyptischer Kulte auch die altägyptische Formensprache nachzuahmen begann. Mithilfe dieses dreiphasigen Stilmodells und präziser Detailbeobachtung am Objekt gelangte Winckelmann zu teilweise erstaunlich treffsicheren Datierungen.
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Kulturen vergleichen: Die Griechen und die Anderen
Der bedeutendste französische Antiquar des 18. Jahrhunderts war der Comte de Caylus. Sein Versuch einer vergleichenden Stilanalyse von Werken verschiedener antiker Kulturen beeinflusste Winckelmann nachhaltig. Doch während Caylus der Meinung war, die Kunst sei bei den Ägyptern erfunden und dann nacheinander von einer Kultur an die nächste weitergegeben worden, entwarf Winckelmann ein Gegenmodell: Auf der Suche nach dem Schönen habe jedes Volk seine eigene Kunst entwickelt.
Eine wechselseitige Beeinflussung habe es nur in späten Verfallsperioden gegeben. Die vergleichende Betrachtung der antiken Kulturen in Winckelmanns Hauptwerk, der Geschichte der Kunst des Altertums, ähnelt einem Versuchsaufbau: Nacheinander werden die Kunst der Ägypter, der Etrusker und einiger anderer Völker unter dem Gesichtspunkt ihrer Entwicklungsfähigkeit geprüft. Es zeigt sich, dass sie auf dem Weg zum Idealschönen unterschiedlich weit gelangt sind, keines von ihnen aber das Ziel erreicht hat. Dies sei nur den Griechen gelungen, denn nur bei ihnen seien Klima, politische Verfassung und allgemeine Lebensverhältnisse so günstig gewesen, dass die Künstler sich frei entfalten konnten.
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Das Schöne erklären: Winckelmanns Ästhetik
Im Mittelpunkt von Winckelmanns Denken steht das Bemühen, mit strenger wissenschaftlicher Methode „die Gründe der Kunst und der Schönheit“ zu untersuchen. Überzeugt, dass es absolute Schönheit gebe und dass diese sich vor allem in der menschlichen Gestalt manifestiere, versucht er ihre Gesetze bis ins kleinste anatomische Detail zu bestimmen.
Grundsätzlich neu an Winckelmanns Ansatz ist die geschichtliche Dimension seiner Schönheitslehre. Das vollendet Schöne kann nicht jederzeit und überall entstehen, sondern ist Resultat eines historischen Entwicklungsprozesses, der nur unter außerordentlich günstigen Umständen zum Ziel führt. Nach Winckelmanns Überzeugung gelangten in der Antike nur die griechischen Künstler in der Epoche der „blühenden Freiheit“, dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus, bis zu diesem Gipfelpunkt.
Den Entwicklungsvorgang und seine Ursachen nicht nur abstrakt zu beschreiben, sondern anhand erhaltener Werke sinnlich erfahrbar zu machen, ist das Hauptanliegen von Winckelmanns Archäologie der Kunst.
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