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L‘ Academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste, Band 1

L‘ Academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste, Band 1

Joachim von Sandrart, Nürnberg 1675 , Leihgabe aus Privatbesitz

Die Figur des Laokoon beschäftigte Winckelmann bereits zu seiner Dresdner Zeit. Neben den sog. Herkulanerinnen und der Agrippina ist sie die einzige antike Skulptur, die in seiner Erstlingsschrift Gedanken über die Nachahmung angeführt wird. Im Laokoon sieht Winckelmann einen Helden, der sein Leid in „edler Einfalt und stiller Größe“ erträgt.

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Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Johann Joachim Winckelmann
2. Auflage, Dresden 1756
Archäologisches Institut und Leihgabe aus Privatbesitz

Um größere Aufmerksamkeit zu erregen, ließ Winckelmann seine erste Veröffentlichung nur in winziger Auflage (wohl 50 Stück) erscheinen. Dank der großen Nachfrage konnte er sogleich eine 2. Auflage herausbringen, die auch eine (von ihm selbst verfasste) Gegenschrift, das „Sendschreiben“, enthielt, die wiederum in einer dritten Schrift von ihm widerlegt wurde. Da alle drei Texte anonym erschienen, ließen viele Zeitgenossen sich täuschen und vermuteten einen heftigen Gelehrtenstreit. Winckelmanns Rechnung ging auf: Schlagartig stand er im Rampenlicht der intellektuellen Öffentlichkeit Europas.

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Frühgriechischer Kuros, sog. Apoll von Tenea

Frühgriechischer Kuros, sog. Apoll von Tenea

Original aus Marmor; München, Glyptothek
Um 550 v. Chr.
1846 in Tenea bei Korinth gefunden
Abguss aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Darstellungen stehender nackter junger Männer (Kuroi) sind eine Leitform der griechisch-archaischen Plastik. Zu Winckelmanns Zeit waren noch keine großplastischen Exemplare bekannt. Dies änderte sich erst 1846 mit dem Auftauchen dieser Statue, der bald zahlreiche weitere Funde in Griechenland folgten. Trotz der engen motivischen Übereinstimmung mit altägyptischen Stand-Schreit-Figuren wurde eine Abhängigkeit der griechischen Statuen von ägyptischen Vorbildern bis vor kurzem von vielen Klassischen Archäologen – ganz im Sinne Winckelmanns – bestritten.

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Männliche Statue in ägyptisierender Königstracht

Männliche Statue in ägyptisierender Königstracht

Original aus grauem italischem Marmor; München, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
Hadrianisch, um 135 n. Chr.
Vermutlich aus der Villa Hadriana in Tivoli
Abguss: Leihgabe des Museums für Abgüsse klassischer Bildwerke,
München

Zusammen mit einem spiegelbildlichen Gegenstück sowie einer Kolossalstatue des Antinoos in ägyptischer Tracht stand die Statue zu Winckelmanns Zeit in der Villa Albani in Rom. Sie diente ihm als Beispiel für seine dritte, römisch-ägyptisierende Stilgruppe. 1815 erwarb Kronprinz Ludwig von Bayern den ganzen Statuenkomplex. In der Münchner Glyptothek, dem von ihm begründeten Skulpturenmuseum, das der Konzeption Winckelmanns folgte, wurden die Werke im „Aegyptischen Saal“ aufgestellt.

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Statuette des Ipi

Statuette des Ipi

Original aus Kalkstein; München, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
5. Dynastie (ca. 2400 v. Chr.)
Fundort unbekannt, vielleicht aus Dahschur
Abguss 2018 erworben

Diese Stand-Schreit-Statue zeigt den Gerichtsmusiker Ipi, der zur Zeit des Alten Reiches lebte und als Flötist einen recht hohen sozialen Rang innehatte. Neben Sitzstatuen sind Stand-Schreit-Figuren die wichtigste Form der ägyptischen Rundplastik. Sie sind sowohl in der Privat- als auch in der Königsplastik vertreten. Obwohl Winckelmann nur wenige derartige Statuen kannte, beschrieb er ihre Grundzüge treffend: „Alle männlichen Figuren, welche aufrecht stehen, haben die Arme fest an den Seiten angeschlossen, … sie waren ganz nackt bis auf eine Art Schurz, welcher sie vom Unterleibe bis an die Knie bedeckt. … Ferner stehen die Füße parallel, aber nicht beide nach derselben Linie, sondern einer dem andern vor.“

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Zwei lagernde Löwen

Zwei lagernde Löwen

Originale aus grauem Granit; Rom, Vatikanische Museen
Aus der Regierungszeit des Nektanebos I. (30. Dynastie,
380 – 362 v. Chr.)
Seit dem 12. Jahrhundert in der Gegend des Isis-Heiligtums in Rom nachweisbar
Abgüsse 1974 erworben

 

Die beiden Löwen waren für Winckelmann ein wichtiger Beweis, dass es im Alten Ägypten schon erstaunlich naturnahe Tierbilder gegeben habe. Auf diesem Gebiet hätten die Künstler freier experimentieren können, während sie bei der Darstellung von Menschen an starre Regeln gebunden gewesen seien. Aufgrund der irrigen Annahme, Hieroglyphen habe es nur im frühen Ägypten gegeben, hielt Winckelmann die Löwen für viel älter, als sie wirklich sind.

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Vergleichendes Sehen: Der nachgeahmte ägyptische Stil

Das Ganze hat eine Aegyptische Gestalt, aber die Teile haben nicht die Aegyptische Form. Die Brust, welche an den ältesten Männlichen Figuren platt lieget, ist hier mächtig und heldenmäßig erhaben: die Rippen unter der Brust, welche an jenen gar nicht sichtbar sind, erscheinen hier völlig angegeben: der Leib über den Hüften, welcher dort sehr enge ist, hat hier seine rechte Fülle: die Glieder und Knorpel der Knie sind hier deutlicher, als dort gearbeitet: die Muskeln an den Armen und andern Teilen, liegen völlig vor Augen: die Schulterblätter, welche dort wie ohne Anzeige sind, erheben sich hier mit einer starken Rundung, und die Füße kommen der Griechischen Form näher. Die größte Verschiedenheit aber lieget in dem Gesichte: welches weder auf Aegyptische Art gearbeitet, noch sonst ihren Köpfen ähnlich ist. Die Augen liegen nicht, wie in der Natur, und wie an den ältesten Aegyptischen Köpfen, fast in gleicher Fläche mit dem Augen-Knochen, sondern sie sind nach dem Systema der Griechischen Kunst tief gesenket, um den Augen-Knochen zu erheben, und Licht und Schatten zu erhalten. Die Form des Gesichts ist vielmehr Griechisch […].

J. J. Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums (1764) p. 57

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Stil ohne Entwicklung: Die Kunst der Ägypter

Schon antike Historiker bezeichneten die Ägypter als Lehrmeister der Griechen. Winckelmann widersprach dem. Die Ähnlichkeit altägyptischer und früher griechischer Kunstwerke beruhe lediglich darauf, dass die Kunst in ihren Anfängen überall „vom Einfachen und Leichteren ausgehet“. Anders als die griechische sei die ägyptische Kunst jedoch nie über einen altertümlich
steifen Frühstil hinausgelangt.

Hauptgründe für die fehlende Entwicklung der ägyptischen Kunst sieht Winckelmann in der Herrschaft einer veränderungsfeindlichen Priesterkaste, dem starren Staatsaufbau und der fehlenden persönlichen Freiheit der Künstler. Erst nach der Eroberung durch die Perser (525 v. Chr.) sei in Ägypten ein neuer, ägyptisch-griechischer Mischstil entstanden. Ein dritter, pseudoägyptischer Stil sei hingegen zur Zeit Kaiser Hadrians (177–138 n. Chr.) in Italien in Mode gekommen, als man dort nach der Übernahme ägyptischer Kulte auch die altägyptische Formensprache nachzuahmen begann. Mithilfe dieses dreiphasigen Stilmodells und präziser Detailbeobachtung am Objekt gelangte Winckelmann zu teilweise erstaunlich treffsicheren Datierungen.

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Kulturen vergleichen: Die Griechen und die Anderen

Der bedeutendste französische Antiquar des 18. Jahrhunderts war der Comte de Caylus. Sein Versuch einer vergleichenden Stilanalyse von Werken verschiedener antiker Kulturen beeinflusste Winckelmann nachhaltig. Doch während Caylus der Meinung war, die Kunst sei bei den Ägyptern erfunden und dann nacheinander von einer Kultur an die nächste weitergegeben worden, entwarf Winckelmann ein Gegenmodell: Auf der Suche nach dem Schönen habe jedes Volk seine eigene Kunst entwickelt.

Eine wechselseitige Beeinflussung habe es nur in späten Verfallsperioden gegeben. Die vergleichende Betrachtung der antiken Kulturen in Winckelmanns Hauptwerk, der Geschichte der Kunst des Altertums, ähnelt einem Versuchsaufbau: Nacheinander werden die Kunst der Ägypter, der Etrusker und einiger anderer Völker unter dem Gesichtspunkt ihrer Entwicklungsfähigkeit geprüft. Es zeigt sich, dass sie auf dem Weg zum Idealschönen unterschiedlich weit gelangt sind, keines von ihnen aber das Ziel erreicht hat. Dies sei nur den Griechen gelungen, denn nur bei ihnen seien Klima, politische Verfassung und allgemeine Lebensverhältnisse so günstig gewesen, dass die Künstler sich frei entfalten konnten.

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Das Schöne erklären: Winckelmanns Ästhetik

Im Mittelpunkt von Winckelmanns Denken steht das Bemühen, mit strenger wissenschaftlicher Methode „die Gründe der Kunst und der Schönheit“ zu untersuchen. Überzeugt, dass es absolute Schönheit gebe und dass diese sich vor allem in der menschlichen Gestalt manifestiere, versucht er ihre Gesetze bis ins kleinste anatomische Detail zu bestimmen.

Grundsätzlich neu an Winckelmanns Ansatz ist die geschichtliche Dimension seiner Schönheitslehre. Das vollendet Schöne kann nicht jederzeit und überall entstehen, sondern ist Resultat eines historischen Entwicklungsprozesses, der nur unter außerordentlich günstigen Umständen zum Ziel führt. Nach Winckelmanns Überzeugung gelangten in der Antike nur die griechischen Künstler in der Epoche der „blühenden Freiheit“, dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus, bis zu diesem Gipfelpunkt.

Den Entwicklungsvorgang und seine Ursachen nicht nur abstrakt zu beschreiben, sondern anhand erhaltener Werke sinnlich erfahrbar zu machen, ist das Hauptanliegen von Winckelmanns Archäologie der Kunst.

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