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Ergänzungen erkennen: Grundprinzip kritischer Objektanalyse

Schon am Anfang seiner archäologischen Tätigkeit in Rom wurde Winckelmann auf eine besondere Schwierigkeit aufmerksam, die es bei der Interpretation antiker Skulpturen zu beachten galt: Gerade die für die Deutung wichtigen Teile waren bei vielen Stücken modern ergänzt. Um die bruchstückhaft aufgefundenen Skulpturen ansehnlicher zu machen, war es seit dem 16. Jahrhundert üblich, sie von (mehr oder weniger geschickten) Restauratoren vervollständigen zu lassen. Da oft nur der Torso einer Figur erhalten war und die Gliedmaßen fehlten, mussten ursprüngliches Haltungsmotiv und Attribute erraten werden. Dabei kam es zu teilweise grotesken Fehleinschätzungen.

Unter dem Titel Von der Restauration der Antiquen plante Winckelmann schon früh eine eigene Schrift zu diesem Thema, die er aber nie abschloss. Erst Christian Gottlob Heyne widmete dem Problem 1779 eine methodisch zukunftsweisende Abhandlung. Ohne selbst in Rom gewesen zu sein, konnte er allein anhand der publizierten Literatur viele Irrthümer in der Erklärung alter Kunstwerke aus einer fehlerhaften Ergänzung aufdecken. Die kritische Scheidung von Originalsubstanz und späteren restauratorischen Eingriffen gehört seither zu den Grundlagen professioneller archäologischer Objektanalyse.

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Johann Joachim Winckelmann: Daten zu Leben und Werk

  • 9. 12. 1717 Geburt in Stendal als einziger Sohn einer armen Schusterfamilie
  • 1723 – 1737 Schulbesuch in Stendal, Berlin und Salzwedel
  • 1738 – 1740 Studium der Theologie in Halle
    danach Hauslehrer in Osterburg
  • 1741– 1742 Studium der Medizin und Mathematik in Jena
    danach Hauslehrer in Hadmersleben
  • 1743 – 1748 Konrektor in Seehausen
  • 1748 –1754 Bibliothekar bei Graf von Bünau in Nöthnitz bei Dresden
  • 1754 Übertritt zum Katholizismus, Übersiedelung nach Dresden
  • 1755 Publikation der Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst
  • Herbst 1755 Übersiedelung nach Rom als Stipendiat des sächsischen Hofes Bibliothekar der Kardinäle Passionei und Archinto
  • 1758 – 1759 Aufenthalt in Florenz, Arbeit am Katalog der Gemmensammlung des Barons von Stosch
  • 1759 Bibliothekar des Kardinals Albani
  • 1760 Description des Pierres gravées du feu Baron de Stosch
  • 1762 Anmerkungen über die Baukunst der Alten
  • 1763 Ernennung zum päpstlichen „Präsidenten der Altertümer von Rom“, Scriptor linguae Teutonicae an der Bibliotheca Vaticana
  • 1764 Geschichte der Kunst des Altertums
  • 1758 – 1767 Vier Reisen nach Neapel
  • 1766 Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst
  • 1767 Monumenti antichi inediti
  • 1768 Reise nach Deutschland zusammen mit Bartolomeo Cavaceppi
  • 8. 6. 1768 Ermordung in einem Gasthof in Triest

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Historisch denken: Winckelmann und die Antiquare

Die Erforschung antiker Bilder und Kunstwerke begann lange vor Winckelmann. Das Hauptinteresse der so genannten Antiquare galt den politischen und religiösen Einrichtungen, den Sitten und Gebräuchen der Völker der Alten Welt. Grundlage bildeten dabei die griechischen und lateinischen Textquellen. Die materiellen Zeugnisse dienten nur der Veranschaulichung des schriftlich Überlieferten. In umfangreichen, oft üppig bebilderten Sammelwerken wurde das Material ausgebreitet, doch meist ohne chronologische Ordnung und ohne Beachtung ästhetischer Aspekte.

Winckelmann studierte die Werke der Antiquare gründlich und mit Gewinn, setzte aber deutlich andere Akzente, indem er, wie Heyne 1778 schrieb, „das Studium des Altertums in seinen rechten Kanal einleitete, in das Studium der Kunst“. Der planlosen Gelehrsamkeit der Antiquare, die dazu neigten, isolierte Fakten aufzuhäufen, ohne eine leitende Fragestellung zu verfolgen, setzte er ein gründlich durchdachtes „Lehrgebäude“ entgegen. Letztes Ziel aller Einzelforschung sollte es sein, das „Wesen des Schönen“ zu erfassen und als geschichtliches Phänomen zu verstehen. Mit seinem Entwicklungsmodell, das die verstreuten Überbleibsel in einen logischen Zusammenhang brachte, führte Winckelmann eine ganz neuartige Form historisch-systematischen Denkens in die Altertumskunde ein.

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Vom Lesen zum Anschauen: Winckelmann in Dresden

Winckelmanns Leben ist durch eine grundlegende Wende im Jahr 1755 gekennzeichnet. Bis zum Alter von 38 Jahren lebte der Sohn armer Handwerker in teils bedrückenden Umständen in Deutschland, als Hauslehrer, Konrektor einer Provinzschule und Bibliothekar. 1755 brachte er – nun als freier Schriftsteller in Dresden – seine erste Veröffentlichung heraus, die Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Diese kleine Schrift machte ihn schlagartig berühmt und verhalf ihm zu einem Rom-Stipendium.

Die letzten 12 Jahre seines Lebens verbrachte Winckelmann als europaweit geachteter Kunstexperte in Italien, bis zu seiner fatalen letzten Reise 1768, die ihn das Leben kostete: In einem Gasthof in Triest fiel er einem Raubmord zum Opfer.

Winckelmann beschäftigte sich vor seiner Dresdner Zeit fast ausschließlich mit Texten. Tausende von Seiten mit Exzerpten in seinem Nachlass zeugen von seiner umfassenden Lektüre. Mit Werken der Bildenden Kunst setzte er sich erst kurz vor seinem Aufbruch nach Italien auseinander. Vor allem die Gemälde der berühmten Dresdner Galerie studierte er gründlich. Antike Skulpturen traten ihm hingegen nur vereinzelt vor Augen. Meisterwerke wie den Laokoon, den er in seinen Gedanken über die Nachahmung ausführlich behandelte, kannte er nur aus Kupferstichen.

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Bilder deuten: Winckelmanns Hermeneutik

Nicht nur Winckelmanns innovative Art der Kunstbeschreibung revolutionierte das Studium der antiken Denkmäler. Auch seine Hermeneutik, die inhaltliche Ausdeutung der Kunstwerke, setzte sich vom Herkömmlichen betont ab: Die meisten Darstellungen interpretierte er als Szenen aus der griechischen Mythologie – statt, wie bisher üblich, als Begebenheiten aus der römischen Geschichte oder als Illustrationen antiker Sitten und Gebräuche. Viele seiner Deutungen gelten noch heute als zutreffend.

Allerdings schoss Winckelmann mitunter auch über das Ziel hinaus, indem er manche Bilder überinterpretierte. Gleichwohl hat sein methodischer Ansatz, der die Bilder eng mit der antiken Dichtkunst verknüpfte, die nachfolgende archäologische Forschung stark beeinflusst.

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Diskuswerfer des Myron

Diskuswerfer des Myron

Rekonstruktion des Bronzeoriginals aus der Zeit um 450 v. Chr. von
Marie Diehl, Berlin (Anfang 20. Jahrhundert)
Abguss 1918 erworben.

 

Der Diskuswerfer des Myron ist ein gutes Beispiel dafür, wie falsche Ergänzungen an antiken Skulpturen zu Fehldeutungen führen können: Schon zu Winckelmanns Zeit stand im Kapitolinischen Museum eine römische Kopie dieser berühmten Statue, allerdings unerkannt, denn der Torso war Anfang des 18. Jahrhunderts von dem französischen Bildhauer Monnot völlig sinnentstellend als „Sterbender Gladiator“ ergänzt worden. Auch Winckelmann bemerkte den Irrtum nicht. Erst Giambattista Visconti, sein Nachfolger im Amt des Präsidenten der Altertümer von Rom, erkannte die wahre Bedeutung des vermeintlichen „Sterbenden Gladiators“. Auf die richtige Spur brachte ihn eine fast vollständig erhaltene Kopie, die 1781 auf dem Esquilin in Rom ausgegraben wurde. Sie liegt der hier gezeigten modernen Rekonstruktion des verlorenen Bronzeoriginals zugrunde.

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Reiterrelief Albani

Reiterrelief Albani

Original aus Marmor; Rom Villa Albani
Griechisches Grabrelief, um 430 v. Chr.
1764 auf dem Esquilin in Rom entdeckt
Abguss 2018 erworben

 

Winckelmann sah in der Kampfszene den Dioskuren Polydeukes/Pollux, der den Tod seines Bruders Kastor an Lynkeus rächt. Dies machte er an den ‚Boxerohren’ des Reiters fest, denn Polydeukes war als Faustkämpfer berühmt. In Wirklichkeit sind jedoch wohl zwei nicht-mythologische Kämpfer dargestellt. Möglicherweise schmückte das ungewöhnlich große Grabrelief ursprünglich das Staatsdenkmal für die am Beginn des Peloponnesischen Krieges 431 v. Chr. gefallenen Athener.
Das Beispiel zeigt, dass Winckelmanns Grundregel, alle Darstellungen aus dem griechischen Mythos zu erklären, zwar oft das Richtige traf, bei manchen Gattungen wie den klassischen Grabreliefs aber in die Irre führte.

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Galliergruppe Ludovisi

Galliergruppe Ludovisi

Original aus Marmor; Rom, Nationalmuseum, Palazzo Altemps Römische Kopie nach hellenistischem Vorbild um 220. v. Chr. Entdeckt in den Gärten der Villa Ludovisi in Rom, erste Erwähnung 1623 Abguss 2002 erworben
Traditionell wurde die Gruppe römisch interpretiert: als Selbstmord des Senators Paetus und seiner Frau Arria, die an einer missglückten Verschwörung gegen Kaiser Claudius beteiligt waren. Für Winckelmann hingegen handelte es sich wegen der heroischen Nacktheit des Mannes um ein griechisches Werk. Dargestellt sei der Freitod des mythischen Geschwisterpaars Makareus und Kanake. Erst Heyne erkannte in den Statuen Barbaren, die zu einem Siegesdenkmal gehörten. Damit bereitete er der heute gültigen Deutung der Gruppe als Kopie eines Weihgeschenks für die Siege der Könige von Pergamon über die Gallier den Weg.

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Datieren: Winckelmanns Stilepochen

Winckelmanns Hauptwerk, die Geschichte der Kunst des Altertums (1764), bietet erstmals eine nach Epochen gegliederte Einordnung antiker Kunstwerke und ihrer Künstler. Die Grundlage dafür bilden Informationen aus griechischen und römischen Schriftquellen.

Im Mittelpunkt von Winckelmanns „Lehrgebäude“ steht die Entwicklungsgeschichte der griechischen Skulptur, die er folgendermaßen beschreibt: „So wird man in der Kunst der Griechen, sonderlich in der Bildhauerei, vier Stufen des Stils setzen, nämlich den geraden und harten, den großen und eckigen, den schönen und fließenden, und den Stil der Nachahmer.“
An anderen Stellen nennt er die ersten drei Stufen den „Älteren Stil“, den „Hohen Stil“ und den „Schönen Stil“.

Winckelmann fiel es noch schwer, konkrete Beispiele für die einzelnen Stilphasen zu benennen. In der nachfolgenden Zeit jedoch wurde sein Epochenmodell durch Neufunde mehr und mehr mit Inhalt gefüllt. Noch heute bildet es die Grundlage für die Chronologie in der Klassischen Archäologie.

Winckelmanns Stile Heutige Bezeichnungen Datierung
Älterer Stil Archaik 7. / 6. Jahrhundert
Hoher Stil Früh- und Hochklassik 5. Jahrhundert
Schöner Stil Spätklassik 4. Jahrhundert 
Stil der Nachahmer Hellenismus 3. – 1. Jahrhundert 

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Klassifizieren: Winckelmann als Gemmenforscher

Baron Philipp von Stosch (1691–1757) galt zu Lebzeiten unbestritten als der beste Kenner und führende Sammler antiker Gemmen. Mit über 3300 Originalen und 28.000 Abdrücken schuf er sich die umfangreichste Sammlung, die je auf diesem Gebiet angelegt wurde. 1764 erwarb Friedrich der Große die Gemmen. Sie befinden sich heute in den Berliner Museen.

Als Winckelmann nach dem Tod des Barons beauftragt wurde, die Sammlung zu publizieren, klassifizierte er die erst teilweise geordneten Bestände neu und beschrieb jeden einzelnen Stein. Sein 1760 in französischer Sprache erschienener Katalog war seine erste große wissenschaftliche Publikation. Das darin entwickelte Ordnungssystem bildete eine wichtige Vorstufe zur Geschichte der Kunst des Altertums.

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