Stil ohne Entwicklung: Die Kunst der Ägypter

Schon antike Historiker bezeichneten die Ägypter als Lehrmeister der Griechen. Winckelmann widersprach dem. Die Ähnlichkeit altägyptischer und früher griechischer Kunstwerke beruhe lediglich darauf, dass die Kunst in ihren Anfängen überall „vom Einfachen und Leichteren ausgehet“. Anders als die griechische sei die ägyptische Kunst jedoch nie über einen altertümlich
steifen Frühstil hinausgelangt.

Hauptgründe für die fehlende Entwicklung der ägyptischen Kunst sieht Winckelmann in der Herrschaft einer veränderungsfeindlichen Priesterkaste, dem starren Staatsaufbau und der fehlenden persönlichen Freiheit der Künstler. Erst nach der Eroberung durch die Perser (525 v. Chr.) sei in Ägypten ein neuer, ägyptisch-griechischer Mischstil entstanden. Ein dritter, pseudoägyptischer Stil sei hingegen zur Zeit Kaiser Hadrians (177–138 n. Chr.) in Italien in Mode gekommen, als man dort nach der Übernahme ägyptischer Kulte auch die altägyptische Formensprache nachzuahmen begann. Mithilfe dieses dreiphasigen Stilmodells und präziser Detailbeobachtung am Objekt gelangte Winckelmann zu teilweise erstaunlich treffsicheren Datierungen.

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