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Spuren sichern: Winckelmann und die Farbigkeit antiker Skulpturen

Winckelmanns Interesse an der genauen Beobachtung werktechnischer Spuren konfrontierte ihn mit einer Entdeckung, die mit seinen ästhetischen Prinzipien nur schwer vereinbar erschien: Eine 1760 in Pompeji gefundene Statue der Diana zeigte reiche Reste von Bemalung. „Die Haare […] waren gelb gefärbet, auch die Augäpfel waren gemalet. Der Riem des Köchers ist rot. Der äußere kleine Rand des Gewandes ist gelb und schmal, auf dem breiten roten Streifen sind weiße Blumen gemalet. An ihrem Diadema, welches rund um den Kopf gehet, sind 10 Rosen erhaben, rot gemalet.“

Winckelmann schwankte lange Zeit, wie er die Farbigkeit von Skulpturen bewerten sollte. Unter seinen Anhängern setzte sich die Auffassung durch, es handle sich um das Kennzeichen einer naiven Frühphase oder eines geschmacklosen Spätstadiums der Kunstentwicklung.

Erst in der aktuellen archäologischen Forschung hat man sich dem Phänomen wieder intensiv gewidmet: Mit neu entwickelten naturwissenschaftlichen Methoden konnten die verschiedenen Pigmente identifiziert und auch Farbnuancen unterschieden werden. Die während der Laufzeit der Ausstellung entstehende Farbrekonstruktion basiert auf diesen Untersuchungsergebnissen, bezieht aber auch Angaben von frühen Beobachtern mit ein.

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Anschauungsobjekte sammeln: Gipsabgüsse an der Universität

Als Leiter der Göttinger Universitätsbibliothek erwarb Christian Gottlob Heyne seit 1765 neben Büchern auch Gipsabgüsse. Ganz oben auf seiner Wunschliste standen die von Winckelmann besonders gepriesenen Meisterwerke: der Apoll von Belvedere, der Laokoon, die Venus Medici, die Große Herkulanerin in Dresden. Die Statuen und Büsten wurden über die einzelnen Säle der Bibliothek verteilt aufgestellt, nach Möglichkeit passend zum jeweiligen Fachgebiet.

Die Abgüsse dienten Heyne nicht als Lehrmittel für seine Archäologie-Vorlesung, obwohl diese in der Bibliothek stattfand. Vielmehr wollte er alle Studenten, die die Bibliothek benutzten, durch die Begegnung mit der idealen Schönheit antiker Kunst „humanisieren“. Wie Winckelmann war Heyne fest überzeugt von der moralischen Wirkung des Schönen.

Erst durch Karl Otfried Müller wurden die Gipsabgüsse 1823 in einem eigenen Saal zusammengeführt. Dort wurden nun auch die archäologischen Lehrveranstaltungen abgehalten. Aus der “Zierde der Bibliothek“ war eine wissenschaftliche Lehrsammlung geworden.

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Miniaturnachbildung des Parthenonfrieses

Miniaturnachbildung des Parthenonfrieses

John Henning

Platten des Ostfrieses

Elgin gestattete dem Bildhauer John Henning (1771-1851) verkleinerte Nachbildungen des Frieses anzufertigen, die schnell Verbreitung fanden. Weil andere Künstler wiederum Hennings Abgüsse nachahmten, gelangten Repliken in hoher Zahl in Umlauf. Die Göttinger Nachbildungen könnten aufgrund ihrer sorgfältigen Ausarbeitung zu Hennings Original-Edition  gehören.

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Westgiebel des Parthenons

Westgiebel des Parthenons

Karl Otfried Müller

Eigenhändige Rekonstruktionszeichnung

Archäologisches Institut, Archiv, Nachlass K.O. Müller

Karl Otfried Müllers Beschäftigung mit den Elgin Marbles zeigt, wie im 19. Jahrhundert die von Winckelmann geprägte Autopsie zum Bestandteil universitärer Forschung wurde: Müller hatte nicht nur in London die Originale gesehen und Abgüsse nach Göttingen geholt, er reiste schließlich auch selbst nach Griechenland. Ergebnis seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Parthenonskulpturen waren ein Vorschlag zur Rekonstruktion des Westgiebels sowie die erste deutschsprachige Publikation der Elgin Marbles.

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Liste der aus London erbetenen Abgüsse

Liste der aus London erbetenen Abgüsse

Handschrift K. O. Müller, April 1829

Universitätsarchiv Göttingen, Kuratoriumsakten, 4.V.d.6.21, Bl. 3

Karl Otfried Müller (1797-1840), seit 1819 Professor in Göttingen, interessierte sich als einer der ersten Gelehrten außerhalb Englands für die nach London gelangten griechischen Originale. Nachdem er die inzwischen im British Museum ausgestellten Antiken in London selbst studiert hatte, bemühte er sich, Gipsabgüsse der Elgin Marbles zur Anwendung in der Lehre für die Göttinger Universität zu erhalten. Die in Müllers Liste aufgeführten Objekte wurden fast alle bewilligt. Als erste deutsche Universität konnte die Göttinger Alma Mater 1830 eine große Zahl von Abgüssen der Elgin Marbles in Empfang nehmen.

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Report from the Select Committee of the House of Commons on the Earl of Elgin’s Collection of Sculptured Marbles

London 1816

Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 8 ARCH III, 475

Nach Lord Elgins wiederholtem Angebot, die von ihm nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu verkaufen, führte eine Kommission des Britischen Unterhauses 1816 Befragungen einflussreicher Künstler bzw. Kunstexperten und Griechenlandreisenden sowie von Elgin selbst durch. Es sollte überprüft werden, wie er in den Besitz der Antiken gekommen war sowie welchen künstlerischen und materiellen Wert sie hatten. Die Befragten wurden aufgefordert, Schönheit und Qualität der Elgin Marbles vergleichend zum Apoll vom Belvedere, dem Laokoon sowie dem Torso zu beurteilen. Den Bezugsrahmen bildeten also die von Winckelmann gepriesenen  Antiken.

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Daktyliothek zur Sammlung Stosch

Daktyliothek zur Sammlung Stosch

127 Gipsabdrücke, von Karl Gottlieb Reinhardt, um 1830

Bis auf eine Teilauflage, die mit einigen wenigen Kupferstichen versehen war, erschien Winckelmanns Description völlig ohne Abbildungen. Dies erschwerte die Benutzbarkeit des Katalogs und veranlasste verschiedene Versuche einer illustrierten Neuauflage. Diese Initiativen blieben jedoch in den Anfängen stecken, bis ab 1821 sämtliche Steine n Berlin abgeformt wurden, um damit eine gekürzte deutsche Übersetzung der Description zu illustrieren. Die in Schubladen montierten Abdrücke waren mit gedruckten Beschriftungen in der Ordnung von Winckelmanns Katalog in einzelne Abschnitte gegliedert.  Außer der Gesamtedition waren auch Auszüge erhältlich, die gerahmt und unter Glas als Zimmerschmuck dienen konnten, wie dieses Exemplar, das aus Göttinger Privatbesitz in die Sammlung der Gipsabgüsse gelangte.

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Geschichte der Kunst des Alterthums

Geschichte der Kunst des Alterthums

Christian Gottlob Heyne

Dresden 1764

Leihgabe aus Privatbesitz

Auch in der Geschichte der Kunst des Altertums spielen  Gemmen eine wichtige Rolle. Von den wenigen Abbildungen des Werks zeigen mehrere Hauptstücke der Sammlung Stosch. Auf dem Titelbild abgebildet ist – riesig vergrößert – der sog. Stosch’sche Stein, ein etruskischer Skarabäus, den Winckelmann für „das älteste Monument nicht nur der  etruskischen Kunst, sondern der Kunst überhaupt“ hielt. Die Darstellung zeigt fünf Heroen des thebanischen Sagenkreises mit etruskischen Namensbeischriften. Heute wird der Stein in die Zeit um 490/80 v. Chr. datiert.

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Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch

Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch

Johann Joachim Winckelmann

Florenz 1760

Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 8 ARCH III, 3382

Winckelmann wurde unmittelbar nach dem Tod des Barons von Stosch 1757 von dessen Neffen mit der Abfassung des Katalogs beauftragt, um die Sammlung vor ihrem geplanten Verkauf zu dokumentieren. Er arbeitete von August 1758 bis Mai 1759 in Florenz an den Originalen und setzte seine Arbeit dann in Rom anhand von Abdrücken fort.  Die insgesamt 3444 Objekte unterteilte er in 8 Klassen und diese wiederum in Untersektionen, beginnend mit Ägyptischen und endend mit christlichen und neuzeitlichen Stücken. Anders als in der antiquarischen Tradition üblich, beurteilt Winckelmann die Steine vor allem nach dem unterschiedlichen Grad ihrer Schönheit und leitet daraus ihre geographisch-chronologisch Zuordnung ab. Auf Wunsch des Auftraggebers erschien der Katalog auf Französisch, der geläufigen Sprache der damaligen Gemmenforschung.

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