#Vom Lesen zum Anschauen: Winckelmann in Dresden

Vom Lesen zum Anschauen: Winckelmann in Dresden

Winckelmanns Leben ist durch eine grundlegende Wende im Jahr 1755 gekennzeichnet. Bis zum Alter von 38 Jahren lebte der Sohn armer Handwerker in teils bedrückenden Umständen in Deutschland, als Hauslehrer, Konrektor einer Provinzschule und Bibliothekar. 1755 brachte er – nun als freier Schriftsteller in Dresden – seine erste Veröffentlichung heraus, die Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Diese kleine Schrift machte ihn schlagartig berühmt und verhalf ihm zu einem Rom-Stipendium.

Die letzten 12 Jahre seines Lebens verbrachte Winckelmann als europaweit geachteter Kunstexperte in Italien, bis zu seiner fatalen letzten Reise 1768, die ihn das Leben kostete: In einem Gasthof in Triest fiel er einem Raubmord zum Opfer.

Winckelmann beschäftigte sich vor seiner Dresdner Zeit fast ausschließlich mit Texten. Tausende von Seiten mit Exzerpten in seinem Nachlass zeugen von seiner umfassenden Lektüre. Mit Werken der Bildenden Kunst setzte er sich erst kurz vor seinem Aufbruch nach Italien auseinander. Vor allem die Gemälde der berühmten Dresdner Galerie studierte er gründlich. Antike Skulpturen traten ihm hingegen nur vereinzelt vor Augen. Meisterwerke wie den Laokoon, den er in seinen Gedanken über die Nachahmung ausführlich behandelte, kannte er nur aus Kupferstichen.

Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Johann Joachim Winckelmann
2. Auflage, Dresden 1756
Archäologisches Institut und Leihgabe aus Privatbesitz

Um größere Aufmerksamkeit zu erregen, ließ Winckelmann seine erste Veröffentlichung nur in winziger Auflage (wohl 50 Stück) erscheinen. Dank der großen Nachfrage konnte er sogleich eine 2. Auflage herausbringen, die auch eine (von ihm selbst verfasste) Gegenschrift, das „Sendschreiben“, enthielt, die wiederum in einer dritten Schrift von ihm widerlegt wurde. Da alle drei Texte anonym erschienen, ließen viele Zeitgenossen sich täuschen und vermuteten einen heftigen Gelehrtenstreit. Winckelmanns Rechnung ging auf: Schlagartig stand er im Rampenlicht der intellektuellen Öffentlichkeit Europas.

L‘ Academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste, Band 1

L‘ Academia Todesca della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste, Band 1

Joachim von Sandrart, Nürnberg 1675 , Leihgabe aus Privatbesitz

Die Figur des Laokoon beschäftigte Winckelmann bereits zu seiner Dresdner Zeit. Neben den sog. Herkulanerinnen und der Agrippina ist sie die einzige antike Skulptur, die in seiner Erstlingsschrift Gedanken über die Nachahmung angeführt wird. Im Laokoon sieht Winckelmann einen Helden, der sein Leid in „edler Einfalt und stiller Größe“ erträgt.

Statue einer sitzenden Nymphe, sog. Dresdner Ariadne

Statue einer sitzenden Nymphe, sog. Dresdner Ariadne

Original aus Marmor; Dresden, Antikensammlung 

Römische Kopie nach einem Vorbild des 3. Jhs. v. Chr. 

Aus der Sammlung Chigi; seit 1728 in Dresden Abguss 1785 von Heyne bei der Kunsthandlung Rost in Leipzig für die Göttinger Universitätsbibliothek erworben.

 

In den Gedanken über die Nachahmung ordnet Winckelmann die Statue dem „hohen Stil“ der griechischen Kunst zu, deutet sie gleichzeitig aber aufgrund des Kopftypus als Bildnis Agrippinas der Älteren, also als römisches Werk. Diesen Widerspruch thematisiert er ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Kopf nicht zur Statue gehört. Beides – die Deutung griechischer Statuen als Personen aus der römischen Geschichte und das Nichterkennen von Ergänzungen – brandmarkte Winckelmann später, in seiner römischen Zeit, als typische „Vergehungen“ unbedarfter Buchgelehrter.

Weibliche Gewandstatue, sog. Kleine Herkulanerin

Weibliche Gewandstatue, sog. Kleine Herkulanerin

Original aus Marmor; Dresden, Antikensammlung
Römische Kopie nach einem Vorbild des späten 4. Jhs. v. Chr.
Um 1711 im Theater von Herculaneum gefunden; seit 1736 in Dresden
Abguss 1983 erworben

Die Statue wurde zusammen mit einem typgleichen Stück und mit der sog. Großen Herkulanerin gefunden. Trotz des unverhüllten Hauptes deutete Winckelmann auch diese Statue als Priesterin der Vesta. Sie galt ihm als eines der „großen Meisterstücke der Griechischen Kunst“.

Weibliche Gewandstatue, sog. Große Herkulanerin

Weibliche Gewandstatue, sog. Große Herkulanerin

Original aus Marmor; Dresden, Antikensammlung Römische Kopie nach einem Vorbild um 330 v. Chr.
Um 1711 im Theater von Herculaneum gefunden; seit 1736 in Dresden

Abguss 1785 von Heyne bei der Kunsthandlung Rost in Leipzig für die Göttinger Universitätsbibliothek erworben

 

Wegen des über den Kopf gezogenen Mantels interpretierte Winckelmann die Figur als Priesterin der Göttin Vesta (griech. Hestia). Zusammen mit der hier ausgestellten sog. Kleinen Herkulanerin gehörte sie zu den ersten originalen Antiken, die er kennen lernte. Die „göttlichen Stücke“ erschienen Winckelmann als „große Muster“ für den „meisterhaften Contour, der auch durch den Marmor hindurch den schönen Bau seines Körpers wie durch ein Coisches [durchsichtiges] Kleid zeiget“.

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