#Kulturen vergleichen: Die Griechen und die Anderen

Kulturen vergleichen: Die Griechen und die Anderen

Der bedeutendste französische Antiquar des 18. Jahrhunderts war der Comte de Caylus. Sein Versuch einer vergleichenden Stilanalyse von Werken verschiedener antiker Kulturen beeinflusste Winckelmann nachhaltig. Doch während Caylus der Meinung war, die Kunst sei bei den Ägyptern erfunden und dann nacheinander von einer Kultur an die nächste weitergegeben worden, entwarf Winckelmann ein Gegenmodell: Auf der Suche nach dem Schönen habe jedes Volk seine eigene Kunst entwickelt.

Eine wechselseitige Beeinflussung habe es nur in späten Verfallsperioden gegeben. Die vergleichende Betrachtung der antiken Kulturen in Winckelmanns Hauptwerk, der Geschichte der Kunst des Altertums, ähnelt einem Versuchsaufbau: Nacheinander werden die Kunst der Ägypter, der Etrusker und einiger anderer Völker unter dem Gesichtspunkt ihrer Entwicklungsfähigkeit geprüft. Es zeigt sich, dass sie auf dem Weg zum Idealschönen unterschiedlich weit gelangt sind, keines von ihnen aber das Ziel erreicht hat. Dies sei nur den Griechen gelungen, denn nur bei ihnen seien Klima, politische Verfassung und allgemeine Lebensverhältnisse so günstig gewesen, dass die Künstler sich frei entfalten konnten.

Die Geschichte der Kunst des Alterthums

Die Geschichte der Kunst des Alterthums

Schon kurz nach seiner Ankunft in Rom entwickelte Winckelmann den Gedanken zu einem systematischen Werk, in dem er seine theoretischen Überlegungen und die vielen Beobachtungen, die er an den Monumenten Roms sammelte, zu einer großen Synthese zusammenführen wollte. Nach jahrelanger Arbeit erschien das Werk Ende 1763.

Als Vorbild diente Winckelmann Voltaires Konzept einer umfassenden Kulturgeschichte an Stelle bloßer Ereignisgeschichte: Es geht ihm nicht darum, einzelne Künstler und Werke aneinanderzureihen, sondern das „Wesen der Kunst“ in seiner geschichtlichen Entwicklung zu erfassen. Entsprechend ist das
Buch in einen philosophisch-systematischen und einen historischen Teil gegliedert. Der deutlich umfangreichere erste Teil fragt nach dem Ursprung des Phänomens Kunst bei den verschiedenen Völkern des Altertums und unterteilt deren Kunstentwicklung, soweit feststellbar, in Epochen. Am ausführlichsten wird die griechische Kunst behandelt und aufgezeigt, warum nur diese zur absoluten Vollkommenheit gelangt sei.

Im zweiten Teil bemüht Winckelmann sich dann, sein Entwicklungsmodell der griechischen Kunst mit der schriftlichen Überlieferung zu koordinieren und absolute Datierungen für seine Epocheneinteilung zu gewinnen.

Johann Joachim Winckelmann – Geschichte der Kunst des Alterthums, 2. Auflage

Johann Joachim Winckelmann – Geschichte der Kunst des Alterthums, 2. Auflage

Wien 1776
Leihgabe SUB Göttingen, Signatur 4 ARCH I, 676

 

Kaum war das große Werk erschienen, machte Winckelmann sich schon an die Ausarbeitung einer stark erweiterten und veränderten Neuausgabe – sehr zum Verdruss seines Leipziger Verlegers Walther, der von der Erstauflage die ungewöhnlich hohe Zahl von 1200 Exemplaren hatte drucken lassen, die
erst verkauft werden mussten. Als Winckelmann 1768 in Triest ermordet wurde, hatte er das überarbeitete Manuskript bei sich. Aus seinem Nachlass wurde es schließlich 1776 in Wien herausgegeben, ging danach aber verloren. Da nicht erkennbar war, ob Winckelmanns Zusätze korrekt eingearbeitet waren, geriet die Neuausgabe rasch in Misskredit. Auch Heyne sah sie sehr kritisch. In der aktuellen Winckelmann-Forschung wird sie jedoch wieder deutlich positiver beurteilt.

Recueil d‘antiquités égyptiennes, étrusques, grecques, romaines et gauloises

Recueil d‘antiquités égyptiennes, étrusques, grecques, romaines et gauloises

Anne Claude Philippe de Caylus
Band 1 : Paris 1752 Band 7 : Paris 1767
Leihgabe SUB Göttingen, Signatur 4 ARCH I, 1470:1 + 7

Der Comte de Caylus (1692–1765) war Sammler, Forscher und selbst ausübender Künstler. In seinem siebenbändigen Hauptwerk publizierte er Werke der ägyptischen, etruskischen, griechischen, römischen und keltischen Kultur aus seiner Sammlung und verglich deren Stil und Machart. Sogar indische Skulpturen wie auf der hier gezeigten Tafel bezog er in die Analyse ein. Wegen seiner profunden Materialkenntnis genoss Caylus zu seiner Zeit hohes internationales Ansehen. 1765 wurde er auf Anregung Heynes in die Göttinger Societät der Wissenschaften als Ehrenmitglied aufgenommen.

Geschichte der Kunst des Alterthums

Geschichte der Kunst des Alterthums

Johann Joachim Winckelmann
Dresden 1764
Leihgabe SUB Göttingen, Signatur 4 ARCH I, 676

Der Kupferstich lässt Winckelmanns kulturvergleichenden Ansatz erkennen. Um zu zeigen, dass die einzelnen Kunstgattungen bei verschiedenen Völkern unabhängig voneinander entstanden sind, werden eine frühe dorische Säule aus Paestum, eine ägyptische Statue und eine bärtige Sphinx sowie eine Vase „von den sogenannten Hetrurischen“ nebst Münzen und einem Relief wie ein Ensemble von Ausgrabungsfunden zusammengestellt.

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