#Klassifizieren: Winckelmann als Gemmenforscher

Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch

Description des pierres gravées du feu Baron de Stosch

Johann Joachim Winckelmann

Florenz 1760

Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 8 ARCH III, 3382

Winckelmann wurde unmittelbar nach dem Tod des Barons von Stosch 1757 von dessen Neffen mit der Abfassung des Katalogs beauftragt, um die Sammlung vor ihrem geplanten Verkauf zu dokumentieren. Er arbeitete von August 1758 bis Mai 1759 in Florenz an den Originalen und setzte seine Arbeit dann in Rom anhand von Abdrücken fort.  Die insgesamt 3444 Objekte unterteilte er in 8 Klassen und diese wiederum in Untersektionen, beginnend mit Ägyptischen und endend mit christlichen und neuzeitlichen Stücken. Anders als in der antiquarischen Tradition üblich, beurteilt Winckelmann die Steine vor allem nach dem unterschiedlichen Grad ihrer Schönheit und leitet daraus ihre geographisch-chronologisch Zuordnung ab. Auf Wunsch des Auftraggebers erschien der Katalog auf Französisch, der geläufigen Sprache der damaligen Gemmenforschung.

Geschichte der Kunst des Alterthums

Geschichte der Kunst des Alterthums

Christian Gottlob Heyne

Dresden 1764

Leihgabe aus Privatbesitz

Auch in der Geschichte der Kunst des Altertums spielen  Gemmen eine wichtige Rolle. Von den wenigen Abbildungen des Werks zeigen mehrere Hauptstücke der Sammlung Stosch. Auf dem Titelbild abgebildet ist – riesig vergrößert – der sog. Stosch’sche Stein, ein etruskischer Skarabäus, den Winckelmann für „das älteste Monument nicht nur der  etruskischen Kunst, sondern der Kunst überhaupt“ hielt. Die Darstellung zeigt fünf Heroen des thebanischen Sagenkreises mit etruskischen Namensbeischriften. Heute wird der Stein in die Zeit um 490/80 v. Chr. datiert.

Daktyliothek zur Sammlung Stosch

Daktyliothek zur Sammlung Stosch

127 Gipsabdrücke, von Karl Gottlieb Reinhardt, um 1830

Bis auf eine Teilauflage, die mit einigen wenigen Kupferstichen versehen war, erschien Winckelmanns Description völlig ohne Abbildungen. Dies erschwerte die Benutzbarkeit des Katalogs und veranlasste verschiedene Versuche einer illustrierten Neuauflage. Diese Initiativen blieben jedoch in den Anfängen stecken, bis ab 1821 sämtliche Steine n Berlin abgeformt wurden, um damit eine gekürzte deutsche Übersetzung der Description zu illustrieren. Die in Schubladen montierten Abdrücke waren mit gedruckten Beschriftungen in der Ordnung von Winckelmanns Katalog in einzelne Abschnitte gegliedert.  Außer der Gesamtedition waren auch Auszüge erhältlich, die gerahmt und unter Glas als Zimmerschmuck dienen konnten, wie dieses Exemplar, das aus Göttinger Privatbesitz in die Sammlung der Gipsabgüsse gelangte.

Klassifizieren: Winckelmann als Gemmenforscher

Baron Philipp von Stosch (1691–1757) galt zu Lebzeiten unbestritten als der beste Kenner und führende Sammler antiker Gemmen. Mit über 3300 Originalen und 28.000 Abdrücken schuf er sich die umfangreichste Sammlung, die je auf diesem Gebiet angelegt wurde. 1764 erwarb Friedrich der Große die Gemmen. Sie befinden sich heute in den Berliner Museen.

Als Winckelmann nach dem Tod des Barons beauftragt wurde, die Sammlung zu publizieren, klassifizierte er die erst teilweise geordneten Bestände neu und beschrieb jeden einzelnen Stein. Sein 1760 in französischer Sprache erschienener Katalog war seine erste große wissenschaftliche Publikation. Das darin entwickelte Ordnungssystem bildete eine wichtige Vorstufe zur Geschichte der Kunst des Altertums.

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