#Vergleichendes Sehen: Der nachgeahmte ägyptische Stil

Vergleichendes Sehen: Der nachgeahmte ägyptische Stil

Das Ganze hat eine Aegyptische Gestalt, aber die Teile haben nicht die Aegyptische Form. Die Brust, welche an den ältesten Männlichen Figuren platt lieget, ist hier mächtig und heldenmäßig erhaben: die Rippen unter der Brust, welche an jenen gar nicht sichtbar sind, erscheinen hier völlig angegeben: der Leib über den Hüften, welcher dort sehr enge ist, hat hier seine rechte Fülle: die Glieder und Knorpel der Knie sind hier deutlicher, als dort gearbeitet: die Muskeln an den Armen und andern Teilen, liegen völlig vor Augen: die Schulterblätter, welche dort wie ohne Anzeige sind, erheben sich hier mit einer starken Rundung, und die Füße kommen der Griechischen Form näher. Die größte Verschiedenheit aber lieget in dem Gesichte: welches weder auf Aegyptische Art gearbeitet, noch sonst ihren Köpfen ähnlich ist. Die Augen liegen nicht, wie in der Natur, und wie an den ältesten Aegyptischen Köpfen, fast in gleicher Fläche mit dem Augen-Knochen, sondern sie sind nach dem Systema der Griechischen Kunst tief gesenket, um den Augen-Knochen zu erheben, und Licht und Schatten zu erhalten. Die Form des Gesichts ist vielmehr Griechisch […].

J. J. Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums (1764) p. 57

Statuette des Ipi

Statuette des Ipi

Original aus Kalkstein; München, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
5. Dynastie (ca. 2400 v. Chr.)
Fundort unbekannt, vielleicht aus Dahschur
Abguss 2018 erworben

Diese Stand-Schreit-Statue zeigt den Gerichtsmusiker Ipi, der zur Zeit des Alten Reiches lebte und als Flötist einen recht hohen sozialen Rang innehatte. Neben Sitzstatuen sind Stand-Schreit-Figuren die wichtigste Form der ägyptischen Rundplastik. Sie sind sowohl in der Privat- als auch in der Königsplastik vertreten. Obwohl Winckelmann nur wenige derartige Statuen kannte, beschrieb er ihre Grundzüge treffend: „Alle männlichen Figuren, welche aufrecht stehen, haben die Arme fest an den Seiten angeschlossen, … sie waren ganz nackt bis auf eine Art Schurz, welcher sie vom Unterleibe bis an die Knie bedeckt. … Ferner stehen die Füße parallel, aber nicht beide nach derselben Linie, sondern einer dem andern vor.“

Männliche Statue in ägyptisierender Königstracht

Männliche Statue in ägyptisierender Königstracht

Original aus grauem italischem Marmor; München, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst
Hadrianisch, um 135 n. Chr.
Vermutlich aus der Villa Hadriana in Tivoli
Abguss: Leihgabe des Museums für Abgüsse klassischer Bildwerke,
München

Zusammen mit einem spiegelbildlichen Gegenstück sowie einer Kolossalstatue des Antinoos in ägyptischer Tracht stand die Statue zu Winckelmanns Zeit in der Villa Albani in Rom. Sie diente ihm als Beispiel für seine dritte, römisch-ägyptisierende Stilgruppe. 1815 erwarb Kronprinz Ludwig von Bayern den ganzen Statuenkomplex. In der Münchner Glyptothek, dem von ihm begründeten Skulpturenmuseum, das der Konzeption Winckelmanns folgte, wurden die Werke im „Aegyptischen Saal“ aufgestellt.

Frühgriechischer Kuros, sog. Apoll von Tenea

Frühgriechischer Kuros, sog. Apoll von Tenea

Original aus Marmor; München, Glyptothek
Um 550 v. Chr.
1846 in Tenea bei Korinth gefunden
Abguss aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Darstellungen stehender nackter junger Männer (Kuroi) sind eine Leitform der griechisch-archaischen Plastik. Zu Winckelmanns Zeit waren noch keine großplastischen Exemplare bekannt. Dies änderte sich erst 1846 mit dem Auftauchen dieser Statue, der bald zahlreiche weitere Funde in Griechenland folgten. Trotz der engen motivischen Übereinstimmung mit altägyptischen Stand-Schreit-Figuren wurde eine Abhängigkeit der griechischen Statuen von ägyptischen Vorbildern bis vor kurzem von vielen Klassischen Archäologen – ganz im Sinne Winckelmanns – bestritten.

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