#Anschauungsobjekte sammeln: Gipsabgüsse an der Universität

Anschauungsobjekte sammeln: Gipsabgüsse an der Universität

Als Leiter der Göttinger Universitätsbibliothek erwarb Christian Gottlob Heyne seit 1765 neben Büchern auch Gipsabgüsse. Ganz oben auf seiner Wunschliste standen die von Winckelmann besonders gepriesenen Meisterwerke: der Apoll von Belvedere, der Laokoon, die Venus Medici, die Große Herkulanerin in Dresden. Die Statuen und Büsten wurden über die einzelnen Säle der Bibliothek verteilt aufgestellt, nach Möglichkeit passend zum jeweiligen Fachgebiet.

Die Abgüsse dienten Heyne nicht als Lehrmittel für seine Archäologie-Vorlesung, obwohl diese in der Bibliothek stattfand. Vielmehr wollte er alle Studenten, die die Bibliothek benutzten, durch die Begegnung mit der idealen Schönheit antiker Kunst „humanisieren“. Wie Winckelmann war Heyne fest überzeugt von der moralischen Wirkung des Schönen.

Erst durch Karl Otfried Müller wurden die Gipsabgüsse 1823 in einem eigenen Saal zusammengeführt. Dort wurden nun auch die archäologischen Lehrveranstaltungen abgehalten. Aus der “Zierde der Bibliothek“ war eine wissenschaftliche Lehrsammlung geworden.

Kaiserbüsten aus Herrenhausen

Kaiserbüsten aus Herrenhausen

Originale aus Bronze; Hannover-Herrenhausen, Galeriegebäude
Norditalienisch (?), spätes 16. Jahrhundert
Ursprünglich im Besitz Ludwigs XIV., seit 1715 in Herrenhausen
Abgüsse 1765 von Heyne für die Göttinger Universitätsbibliothek
erworben

Auf Vermittlung von Rudolf Erich Raspe, damals Bibliothekar in Hannover, später Kustos der landgräflichen Sammlungen in Kassel, erhielt Heyne im Sommer 1765 insgesamt 18 Abgüsse von Porträtbüsten aus dem Galeriegebäude der kurfürstlichen Sommerresidenz Herrenhausen bei Hannover. Wie sich erst später herausstellte, handelte es sich bei der Galerie römischer Kaiser nicht um antike Werke, sondern um neuzeitliche Nachahmungen, z.T. auf der Grundlage von Münzbildern gefertigt. Weitere Exemplare derselben Abgussserie wurden für den Herzog von Mecklenburg-Schwerin nach Ludwigslust und für den Landgrafen von Hessen nach Kassel geliefert. Nur die Göttinger Abgüsse haben sich (großenteils) erhalten.

Büste des Laokoon

Büste des Laokoon

Original aus Marmor; Rom, Vatikanische Museen
Um 30/20 v. Chr. (?) von den rhodischen Künstlern Hagesandros,
Polydoros und Athanadoros geschaffen
Gefunden 1506 auf dem Gebiet der Domus Aurea in Rom
Abguss 1771 von Heyne bei den Gebr. Ferrari erworben

Nach der eher zufälligen ersten Erwerbung von Gipsabgüssen 1765 nutzte Heyne mehrfach das Angebot der Gebrüder Ferrari, reisender Gipshändler aus Norditalien. Außer verschiedenen Büsten kaufte er bei Ihnen auch ganze Statuen wie den Fechter Borghese und den Faun Medici. Auch ließ er die am Fenster aufgestellten und daher bereits 1771 stark strapazierten Abgüsse aus Herrenhausen durch die Gebr. Ferrari mit einem Schutzanstrich versehen. 1774 erwarb er bei ihnen einen Abguss der ganzen
Figur des Laokoon. Ein Abguss der gesamten Gruppe einschließlich der Söhne ließ sich jedoch zu Heynes Lebzeiten nicht besorgen.

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